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See you at the movies

Howie's Filmeindrücke

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SOMETIMES A GREAT NOTION (SIE MÖCHTEN GIGANTEN SEIN) (Paul Newman, USA 1971)


Familienunternehmen Stamper, das groß in der Holzproduktion ist, erlebt sukzessive Ablehnung der örtlichen Bewohner, da es sich nicht an einem Streik beteiligen mag. Never give an inch - dieses Familienmotto wird speziell von Patriarch Henry (Henry Fonda) bis aufs Äußerste gelebt. Gestützt wird er dabei von Sohnemännern Richard Jaeckel und Paul Newman. Bald sieht er sich zudem mit der Rückkehr seines Sohnes konfrontiert, der nicht vollends hinter den Familienidealen steht. Die Dinge nehmen ihren Lauf...

Allerdings nicht so, wie es bei diesem Stoff zu erwarten wäre. So kommt es zwar zu dramatischen Ereignissen, die am Ende vielleicht auch zu großes Ausmaß annehmen, doch überrascht der Film speziell durch die Figur des "verlorenen Sohnes", der nicht als dramaturgisches Werkzeug benutzt wird, die Familie(nstrukturen) (auf) zu brechen. Im finalen Akt nimmt er eine bedeutende Rolle ein, die dann auch die Message des Films umkehrt. Getragen von wunderbaren Darstellern berührt SOMETIMES A GREAT NOTION und umschifft Klischees wie Rührseligkeit. In meiner nun schon fast ein Jahr umfassenden Newman-Schau ist dies seine erste Regiearbeit und auch wenn er diese erst im Laufe der Dreharbeiten übernommen hat, fällt sie beeindruckend aus.

Make-or-Break-Scene: Die Holzfallarbeiten - faszinierende Bilder vor schöner Naturkulisse, die Symbolik und Metaphorik schüren.

MVT: Das Darstellerensemble, die die hochdramatischen Szenen gekonnt zu händeln wissen.

Score: 7/ 10

Final Thoughts: Bei Newman bleibe ich am Ball.


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THE RAID 2: BERENDAL (Gareth Evans, IND/ USA 2014)


Aus Geldmangel konnte Evans diesen Film damals nicht drehen und hat dann einfach THE RAID vorgeschoben, der dann wieder BERENDAL realisierbar machte, der dann gleich mal zu einem RAID-Sequel gemacht wurde. Zwar schlägt der Film direkt den Bogen zum ersten Teil, doch vollzieht dann einen klaren Richtungswechsel: vom auf einen Schauplatz beschränkten Actiondauerspektakel zu einem epischen (Laufzeit stolze 150 Minuten!) Gangsterdrama, das in punkto Schauwerte vieles toppt, was im Genre zuvor gewesen ist. Evans' Art, Action zu choreographieren verleiht einem zunehmend auf extreme Schnittstakkatos reduziertes Genre einen angenehmen neuen Impuls verbunden mit der äußerst kinetischen Silat-Kampfkunst. Bei den RAID-Filmen sieht man tatsächlich, was passiert und Evans selbst betont, wie wichtig ihm das ist, denn, logisch: wenn eine Actionszene wochenlang einstudiert wird und das, was zu sehen ist, real entstanden ist (die Bluteffekte mal außen vor gelassen), dann soll das auch vor Augen geführt werden. WAS Evans in THE RAID 2 bietet ist ohne Übertreibung phänomenal. Die Brutalitäten - wenn das so gesagt werden darf - ebenso. Dabei bleibt es nicht bei Silat sondern auch zu ausufernden Actionszenen, wie einer Autoverfolgungsjagd, die gleich in den Pantheon düst. Wie einige Kamerafahrten hierbei zustande gekommen sind, bleibt mir ein Rätsel.
Groß sind aber nicht nur die Actionszenen selbst, sondern vor allem der Weg, wie sie afgebaut werden, wobei Evans stark auf auditive Impulse setzt. Der Score des Films, der ihn sehr stimmig und adrenalinfördernd mit Trent Reznors/ Atticus Ross' "Magnetic"-Remix abschließt, hämmert, pulsiert und treibt die (An)spannung zu einem Höhepunkt nach dem anderen. Gerne hätte ich den Film im Kino geschaut, wo er in seiner Wirkung nochmal um einiges potenziert wird, aber selbst im bescheidenen Heimkino gab es mehrmals Ansporn zum fistpumping. Ein weiterer großer Unterschied zu THE RAID ist der hier ersichtlich große Einfluss von Kubrick und Lynch auf Evans: viele lange Totalen, die die Symmetrie von großen Räumen, langen Korridoren und deren Ausstattung hervorheben. Passend dazu lässt Evans seine Charaktere nun auch deutlich markanter erscheinen und "fetischisiert" ihre Aktionen/ Spezialität aufs äußerste.
Dass THE RAID 2 dennoch nie in Gefilde des Comic(action)films abdriftet ist seiner Hauptfigur zu verdanken, die zwar wieder physisch übermenschliches leistet, dennoch nie überhöht wirkt, zumal sie einiges einstecken muss (bestes Beispiel die erste Gefängnisszene).
Kritik gab es am plot des Films, der eine Undercovergeschichte erzählt, die es so schon zigmal gegeben hat. Als Gerüst für die zahlreichen Actionsequenzen hat es für mich funktioniert und hätte es dieses nicht gegeben, wäre Evand wahrscheinlich dann dafür kritisiert worden - wenn ein Film so viel Hype wie THE RAID 2 aufbaut, dann muss die Internet-Community natürlich auch einen Gegenhype produzieren.
Jetzt ist noch ein dritter Teil angekündigt, bei dem gerüchteweise Tony Jaa mitwirken könnte. Das führt dann zum einzigen Kritikpunkt, den ich an THE RAID 2 adressieren kann: wie um alles in der Welt, soll diese Action bitteschön noch getoppt werden???

Make-or-Break-Scene: Schwierig, schwierig. Natürlich eine der vielen Actionszenen. Auf Grund der Abwechslung wähle ich die Autoszene, weil sie meinem Lieblingsactionelement die Krone aufsetzt.

MVT: Gareth Evans, da er beweist, WIE Actionsequenzen aussehen müssen.

Score: 9/ 10

Final Thoughts: Nach To's VENGEANCE der bisher beste Film meines Filmjahres 2014.


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Italo Euro Crime - Favoritenliste


Hab jetzt genug beisammen um eine vorläufige persönliche Bestenliste zusammenzustellen. Insgesamt bietet das Genre mir von Gurke bis Meisterwerk alles - trotz bestimmter immer wiederkehrenden Merkmalen (JB, fesche Musik, Autoverfolgungsjagden, Originalschauplätze, Modeverbrechen, Schweiß, Blut) gibt es qualitativ gravierende Unterschiede, da sich oftmals dann doch nur auf Schauwerte verlassen wird und dies dann gern auf Kosten eines koherenten plots. Auch die so wichtigen Leading Men variieren in ihren Darstellungen: dabei ist schauspielerisches Talent ohnehin weniger gefragt. Solange sie charismatisch sind und austeilen können, sind sie bereits als genretauglich befunden.
Ich habe mich versucht, auf den Euro Crime zu beschränken und Gialli, Horror etc. mit Crime-Elementen außen vor zu lassen, auch wenn das nicht immer einfach ist. Eine reine Poliziotti-Liste wollte mir jedenfalls nicht gelingen.

Spitzenwert:

01. COSA AVETE FATTO A SOLANGE? (Das Geheimnis der grünen Stecknadel) Massimo Dallamano, 1972
02. LA MALA ORDINA (Der Mafiaboss) Fernando di Leo, 1973
03. CANI ARRABBIATI (Rabid Dogs) Mario Bava, 1976
04. MILANO CALIBRO 9 (Milano Kaliber 9) Fernando di Leo, 1972
05. LA SCORTA (Die Eskorte) Ricky Tognazzi, 1993

Sehr gut

06. QUELLI DELLA CALIBRO 38 (Kaliber 38) Massimo Dallamano, 1976
07. IL GRANDE RACKET (Racket) Enzo G. Castellari, 1976
08. REVOLVER (Die perfekte Erpressung) Sergio Sollima, 1973
09. LA POLIZIA RINGRAZIA (Das Syndikat) Steno, 1972

Gut

10. LA CITTA SCONVOLTA (Auge um Auge) Fernando di Leo, 1975
11. UOMINI SI NASCE POLIZIOTTI SI MUORE (Zwei eiskalte Typen auf heißen Öfen) Ruggero Deodato, 1976
12. LA CITTA GIOCA D'AZZARDO (Hetzjagd ohne Gnade) Sergio Martino, 1975
13. IL CITTADINO SI RIBELLA (Ein Mann schlägt zurück) Enzo G. Castellari, 1974
14. ... A TUTTE LE AUTO DELLA POLIZIA (Calling all Policecars) Mario Caiano, 1975
15. LA POLIZIA CHIEDE AUITO (Der Tod trägt schwarzes Leder) Massimo Dallamano, 1974
16. LA VIA DELLA DROGA (Dealer Connection) Enzo G. Castellari, 1977

In Ordnung

17. QUELLI CONTANO (Die Rache des Paten) Andrea Bianchi, 1974
18. IL POLIZIOTTO E'MARCIO (Shoot first, die later) Fernando di Leo, 1974
19. ENIGMA ROSSO (Orgie des Todes) Alberto Negrin, 1978
20. LA RAGAZZA DAL PIGIAMO GIALLO (Ein Mann gegen die Mafia) Flavio Mogherini, 1977
21. NON SI SEVIZIA UN PAPERINO (Don't torture a Duckling) Lucio Fulci, 1972
22. IL GIUSTIZIERE SFIDA LA CITTA (Der Vernichter) Umberto Lenzi, 1975
23. I RAGAZZI DEL MASSACRO (Note 7) Fernando di Leo, 1969
24. PRONTO AD UCCIDERE (Tote pflastern seinen Weg) Franco Prosperi, 1976
25. MILANO ODIA: LA POLIZIA NON PUO SPARARE (Der Berserker) Umberto Lenzi, 1974
26. UN POSTO IDEALE PER UCCIDERE (Deadly Trap) Umberto Lenzi, 1971
27. VAI GORILLA (Gorilla) Tonino Valerii, 1975

Durchschnitt

28. ROMA VIOLENTA (Verdammte, heilige Stadt) Marino Girolami, 1975
29. PERCHE SI UCCIDE UN MAGISTRATO (Warum musste Staatsanwalt Traini sterben?) Damiano Damiani, 1975
30. MARK IL POLIZIOTTO SPARA PER PRIMO (Das Ultimatum läuft ab) Stelvio Massi, 1975
31. MARK IL PLIZIOTTO (Mark of the Cop) Stelvio Massi, 1975
32. ROMA A MANO ARMATA (Die Viper) Umberto Lenzi, 1976
33. CONFESSIONE DI UN COMMISSARIO (Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert) Damiano Damiani, 1971
34. NAPOLI SI RIBELLA (A Man called Magnum) Michele Massimo Tarantini, 1977
35. CITTA VIOLENTA (Brutale Stadt) Sergio Sollima, 1970
36. IL BOSS (Der Teufel führt Regie) Fernando di Leo, 1973
37. LA POLIZIA INCRIMINA LA LEGGE ASSOLVE (Tote Zeugen singen nicht) Enzo G. Castellari, 1973
38. LUCA IL CONTRABANDIERE (Contraband) Lucio Fulci, 1980
39. MILANO ROVENTE (Gang War in Milan) Umberto Lenzi, 1976

Mäßig

40. LA POLIZIA È SCONFITTA (Sonderkommando ins Jenseits) Domenico Paolella, 1977
41. CAMORRA (Camorra) Pasquale Squitieri, 1972
42. SQUADRA VIOLENTE (Gnadenlose Jagd) Stelvio Massi, 1974
43. IL CONTO È CHIUSO (In den Klauen der Mafia) Stelvio Massi, 1976
44. LA BANDA DEL GOBBO (Die Kröte) Umberto Lenzi, 1978

Gurke

45. IL GIORNO DEL COBRA (Der Tag der Cobra) Enzo G. Castellari, 1980
46. LA VITTIMA DESIGNATA (Der Todesengel) Maurizio Lucidi, 1971
47. I PADRONI DELLA CITTA (Rulers of the City) Fernando di Leo, 1976
48. IL TRUCIDO E LO SBIRRO (Das Schlitzohr und der Bulle) Stelvio Massi, 1976
49. LA BANDA DEL TRUCIDO (Die Gangster-Akademie) Stelvio Massi, 1977

Gurkensalat

50. SENZA RAGIONE (Blutrausch) Silvio Narizzano, 1973


Meine Liebsten Frontmänner

01. Fabio Testi
02. Franco Nero
03. Enrico Maria Salerno
04. Mario Adorf
05. Tomas Milian
06. Henry Silva
07. Marcelo Bozzuffi
08. Luc Merenda
09. Ray Lovelock
10. Marc Porel


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BIG BAD WOLVES (Aharon Keshales, Navot Papushado, ISR 2013)


Ein überaus fieser Kindermörder treibt im ruralen Israel sein Wesen: Polizist Micki (Lior Ashkenazi) hat auch schon einen Hauptverdächtigen an der Angel, den er gemeinsam mit dem Vater eines der Opfer "verhört"...

War ja einer der sogenannten "Geheimtipps" des letzten Filmjahres und er soll Quentin Tarantinos "Movie of the Year" darstellen. Ich bin erst durch meine Filmpodcasts drauf gestoßen und kann mich im Nachhinein dem Lob voll anschließen: einer der besten Filme von 2013! Aus Israel habe ich (so gut wie?) gar nichts gesehen, so dass mir die Darsteller vollends unbekannt waren, was bei der Abnahme der Rollenverkörperungen aber vorteilhaft sein kann. Ähnlich wie KYNODONTAS vor vier Jahren ist BIG BAD WOLVES ein Film, dessen Tonart einige Zuschauer arg verstören dürfte. Dem absoluten Gräuel werden immer wieder saukomische Situationen gegenübergestellt, was manchen ggf. zu Äußerungen wie schlechtem Geschmack verleiten könnte. Darf man ein hochsensibles Thema wie Kindesvergewaltigungen mit - zugegeben "tieftief"schwarzem - Humor anreichern? Das Ergebnis spricht für sich. Meines Erachtens schaffen die Regisseure diesen Spagat. Ich wurde oft an das Kino der Coens erinnert, da die Figuren auch hier zu absurden Handlungen und Motivationen neigen, allerdings niemals auf Kosten ihrer Glaubwürdigkeit. So bleibt man beim Thema wie es sich gehört ernst. Auch führen die Taten der Selbstjustizler zwar zu Komik, doch lässt sich zugleich darüber sinnieren, in wie weit ihre Vorgehensweise und ihr Handeln überhaupt zu legitimieren ist. Hierzu fügt das Drehbuch gegen Ende einige überraschende Wendungen ein, die für die Figuren wie für den Rezipienten neue Herangehensweisen ermöglichen.

Eingefügtes Bild

BIG BAD WOLVES ist so gut, weil er die Genres des Torture Porn und Serial Killer quasi auf den Kopf stellt, vermischt und etwas - zumindest für mich - nie dagwesenes kreiert, das gleichermaßen unterhält, wie fesselt und verstört. Handwerklich mit großen Momenten (TItelsequenz!!!) und keiner Scheu vor Schau(er)werten (dass die Opfer enthauptet wurden wird auch visuell bewiesen). Zudem lässt die Schlusseinstellung zahlreiche Spekulationen über die (Nicht)schuld des malträtierten Verdächtigen zu.
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Make-or-Break-Scene: Die unfreiwillige Kollaboration der Polizei mit dem Opfervater, die sehr amüsant in einem Park beginnt.

MVT: Der Ton des Films, der nie aus dem Ruder läuft.

Score: 8/ 10

Final Thoughts: Sehr empfehlenswert, wenn auch bestimmt nicht jedermanns Sache.


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PRONTO AD UCCIDERE (TOTE PFLASTERN SEINEN WEG) (Franco Prosperi, ITA 1976)


Weil zwei Ganoven der Mamma den Hintern weggeballert haben lässt sich Cop Massimo Torlani (Ray "Die Zahnlücke" Lovelock) undercover in den Knast schleusen, um einen Drogenring zu zerschlagen. Aber natürlich auch, um die nun im Rollstuhl sitzende Mutter zu rächen...

Der Film versucht gar nicht erst, seinen Protagonisten charakterlich großartig auszustaffieren. Zwar wird dessen Motivation hier und da in Gesprächen mit seinem Polizeichef thematisiert und sich um etwas Ambivalenz hinsichtlich der Legitimation seiner zahlreichen Bluttaten bemüht, aber im Grunde genommen ist der Film ein astreiner Poliziotto, wie sie in den 70ern am Fließband produziert wurden: alle Zutaten drin, die das Genre einfordert und nach eineinhalb Stunden auch schon vorbei. Lovelock habe ich den Leading Man nie zugetraut, doch schafft er es - auch mit Hilfe von Dannebergs Synchro - den Film zu schultern und sich glaubwürdig die Bösen, die ihm über den Weg laufen, aus eben diesem zu schaffen. Damit seine schmalbrüstige Statur gar nicht erst Missverständnisse über seine Fähigkeiten aufkommen lässt, liefert sich Lovelock im Knast erstmal eine Keilerei mit einem Bud Spencer-Double, der anschließend Monate auf der Krankenstation verweilen muss. Die kampfszenen inszeniert Prosperi sehr derb, weil realistisch. Man keucht glatt mit jedem Einschlag mit. Und Lovelock kotzt sich nach seinem Fight wortwörtlich erstmal aus. Kurios wird es mit der Besetzung von Lovelocks Matratze, die von einer betagten Elke Sommer verkörpert wird - als "Mutter-Ersatz" vögelt sie den Helden, dessen Mama den Hintern ja nu nicht mehr hochbekommt. Grandios das Vorspiel zur Sexszene: Lovelock hat Sommer als Sekretärin eines Auftraggebers gerade erst kennengelernt, da ruft er auch schon wieder bei ihr an und will mit ihr ficken. Sie fühlt sich zwar geschmeichelt, doch der Chef hat es nicht gerne, wenn seine Sekretärin woanders bumsen geht. Gespräch beendet. Minuten später überrascht Sommer Lovelock dann im Hotelzimmer: im Spiegel entdeckt er sie neben einer großen Flasche J & B. Durch den Spiegel liest man auf dem Etikett aber B J - damals auch schon die gängige Abkürzung für Blowjob? Ich weiß es nicht, habe mich aber trotzdem weggeschmissen.

Neben solchen amüsanten Momenten kommt der Film zwar erst in der zweiten Hälfte voll in Fahrt, dann aber richtig! Auf Landstraßen jagt Lovelock auf dem Moped einem Laster hinterher, der ihn mehrmals von der Piste jagt und schließlich überrollt. Doch Lovelock hat sich dabei einfach am Unterboden festgekrallt und bekämpft die Trucker fortan direkt vor Ort. Eine wahnsinnige Stuntshow, die Anlass zu einigen Ohos gab. Überhaupt sind die Actionszenen allesamt sehr komptent umgesetzt und markieren auch das größte Plus des Films. Darüber hinaus verspricht der deutsche Titel nicht zu wenig, denn Lovelocks Figur nietet weitaus mehr Leute um, als sämtliche Ganoven, mit denen er zu tun hat. Prosperi scheut dabei vor Durchschüssen und Farbpäckcheneinsatz nicht zurück wodurch sein Film eines der härtesten Kaliber des Genres sein dürfte.

Zwar tauchen in Nebenrollen nur wenig bekannte Charakterköpfe auf, doch gibt sich Martin Balsam mal wieder die Ehre, der gemeinsam mit Joseph Cotten in den 70ern den Kontostand wohl am häufigsten durch Italienreisen aufpolierte. Da alternde US-Stars in diesen Filmen gerne als reiche Unterwelt-Schnösel besetzt werden, hat Balsam auch hier wenig zu tun und ist die meiste Zeit damit beschäftigt zu speisen oder in einem Sessel zu sitzen und Aufträge zu erteilen.

Plottechnisch versucht PRONTO AD UCCIDERE am Ende mit einer Art Twist zu überraschen, was aber eher zu Kopfkratzen denn zum Zungenschnalzen anregt. Dafür sorgt dann viel eher der von Lovelock höchstpersönlich geträllerte Titelsong und die vielen wunderschönen Ortschaften, an denen sich das Geschehen abspielt.

Make-or-Break-Scene: Die Stuntshow auf der Landstraße.

MVT: Zwar gemogelt, aber Thomas Danneberg, weil er Lovelock den letzten Schub zum nötigen Tough Guy liefert.

Score: 6.5/ 10

Final Thoughts: Erst durch die aktuelle gtmc-Folge geschaut, doch direkt wieder Lust auf mehr Genrekost bekommen.


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CASINO (Martin Scorsese, USA 1995)


In den 80er Jahren kontrolliert der Mob die Casinos in Las Vegas. Ihr Frontmann ist Buchmacher Ace Rothstein (Robert De Niro), dessen Professionalismus eine Extravaganz sowie die destruktive Ehe mit Sternchen Ginger (Sharon Stone) unterlaufen wird...

Als Vegas-Remake von GOODFELLAS wird CASINO oft betitelt und das nicht ganz zu unrecht. Viele Gesichter tauchen hier wieder auf und Joe Pesci spielt die Rolle des Tommy gleich nochmal. Mir gefällt der Film von mal zu mal weniger gut. Zwar kaschiert Scorsese die fast dreistündige Laufzeit mit enormen pacing, doch ist es zuviel Voice Over, Rocksongs und Repetition. Oftmals wirkt CASINO episodenhaft, es fehlt an Struktur. Der Ehekrieg zwischen De Niro und Stone lässt kalt, weil beide Seiten ziemliche Arschlöcher sind. Ohnehin porträtiert CASINO eine Gesellschaft, deren Untergang man herbeisehnt und der erst ganz zum Schluss eintritt. Dazwischen viel Intrige, Brutalitäten und ganz fiese Modeverbrechen. So what?! Habe ich am Ende gedacht und war drei Stunden meines Lebens ärmer.

Make-or-Break-Scene: Saul Bass' furiose Titelmontage.

MVT: Die Darstellung des Mob-Familienlebens hinter den Kulissen - so kommt es zu einigen sehr witzigen Momenten.

Score: 6/ 10

Final Thoughts: Lieber nochmal GOODFELLAS schauen.


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MANHUNTER (BLUTMOND) (Michael Mann, USA 1986)


Profiler Will Graham (William Petersen) ist dem Serienmörder "Tooth Fairy" (Tom Noonan) auf der Spur, der sich am großen Vorbild Hannibal Lector (Brian Cox) zu orientieren scheint...

Michael Mann's dritter Kinofilm, der ihn erneut ins Crime Genre führt und sich wie THIEF auf eine charismatische, starke Hauptfigur fokussiert, die diesmal aber auf der "richtigen" Seite des Gesetztes agiert. Dennoch passt Will Graham gut zu Mann's Charakteren, da sich auch Graham als Vollprofi durch die Handlung bewegt und von einer Obsession getrieben wird, die ihn zumindest an den Rand des Niedergangs führt. So entfremdet er sich von seiner Familie durch seinen Weg, sich so sehr in den Killer hineinzuversetzen, dass diese Empathie fast zur Selbstzerstörung führt. In einem bewegenden Gespräch mit seinem Filmsohn wird zumindest ansatzweise deutlich, was Graham durchleben muss. Wieder kreiert Mann einen essenziellen Dialog, der bei ihm stets an öffentlichen Orten stattfindet, als sollte nicht nur der Zuschauer, sondern auch die Umwelt der Filmfiguren an dem Offenbarungsakt teilhaben. Dieser Dialog bildet dann eben die Essenz der Geschichte, die der Film erzählt: die Erklärung der Motivation der Hauptfigur. Wie üblich, besetzt Mann auch Will Graham mit einem exzellten Darsteller, der leider nie zu dem Ruhm gelangte, den er verdient hätte. Petersen beherrschte diesen und Friedkins TO LIVE AND DIE IN L. A., die aber beide floppten, wodurch seine große Karriere verbaut wurde. Hier besticht er durch eine sehr zurückhaltende, brütende Performance, die durch viele subtile Nuancen gekennzeichnet ist, wodurch sein Seelenleben, seine Gedankengänge oftmals nur spekuliert werden können. Dadurch wird er der ideale Konterpart zu der Figur des Gejagten, dem Serienmörder Dollarhyde, den durch Tom Noonans markante Präsenz zwar eine unheimliche Aura umgibt, der aber genauso Anteilnahme erzeugen kann, wenn er sich durch eine Romanze zu erlösen scheint.

Im Kosmos um die Harris'sch Figur Hannibal Lector habe ich zwar erst zwei Filme gesehen, doch gefällt mir MANHUNTER wesentlich besser als der kommerziell und kritisch erfolgreichere SILENCE OF THE LAMBS, der sich deutlich an Mann's Film orientiert, aber eben niemals dessen Klasse erreicht. LAMBS sieht beliebig aus und verpasst es, bleibende Momente zu kreieren, von denen MANHUNTER zahlreiche zu bieten hat: etwa die Tiger-Szene, besagte Lebensbeichte Grahams, die doppelt dargestellte POV-Szene im Haus der Opfer, die Grahams Arbeitsweise versucht, bildlich erfahrbar zu machen und der größte Moment, als Hannibal Lector in Erscheinung tritt. Hopkins gewinnt den Oscar, weil er Lector sehr "showy" gibt - mit diabolischem Blick und einigen fiesen Bon Mots reißt er die Aufmerksamkeit auf sich und verkommt zum Monster-Mensch. Cox' subtil-bedrohliche Art, Lector darzustellen ist für mich deutlich wirkungsvoller. Seine Intonation ("Can I have your home numbah?" :angst: ), seine auffällig-überruhige Art und sein stechender Blick fesseln nicht nur sein Gegenüber Graham, der durch das nicht minder beeindruckende Spiel Petersens stets am Rande einer Panikattacke zu wandeln scheint. Ich habe MANHUNTER nie geliebt, da ich kein großer Freund des Serial Killer-Genres bin und mir Mann's straight Crime Dramas deutlich mehr liegen, doch respektiere ich dieses Werk sehr, da es archetypisch für ein bis dato lange wenig beachtetets Genre war und es sich formal wie darstellerisch reibungslos in Manns großartige Filmografie einreiht.

Make-or-Break-Scene: Die erste Szene am Strand, als Crawford (Dennis Farina) Graham zu rekrutieren versucht. Manns Inszenierung dieser Szene, vor allem durch die Positionierung der Kamera als Musterbeispiel für substanzielle Bildsprache.

MVT: William Petersen, der wie ein angezählter, grauer Wolf erscheint - sein Charisma droht die Leinwand zu sprengen.

Score: 8/ 10

Final Thoughts: Neben SE7EN mein liebster Beitrag zum Serienkillergenre.


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THIEF (DER EINZELGÄNGER) (Michael Mann, USA 1981)


Meisterdieb Frank (James Caan) lässt sich auf einen Deal mit einem Syndikat ein, was er bald bereuen wird...

THIEF markiert den ersten ganz großen Wurf von Regisseur Michael Mann, der wie kein anderer das Crime Genre beherrscht, da er die Balance zwischen Charakterstudie, Action und Dramatik wie kein anderer beherrscht und dabei stets um größtmögliche Authenzität der kriminellen Handlungen bemüht ist. Wie seine Protagonisten ist er ein Perfektionist, dessen Werke die Höchstmarke des Genres darstellen, die kein anderer Filmemacher auch nur ansatzweise erreicht (natürlich aus rein subjektiver Sichtweise ;) ). Aus seinem Oeuvre ist THIEF für mich der Film mit der interessantesten Hauptfigur: der von James Caan charismatisch dargestellte Frank ist durch einen absoluten Willen gekennzeichnet, sich zu nehmen, was er will - seine Raubzüge unterstreichen dies auch auf Bildebene, doch selbst die Romanze, die er schon in Knastjahren geplant hat zieht er knallhart durch. Seine Herzdame (Tuesday Weld :love: ) mag sich zu Beginn noch wehren, doch in einer magischen Szene, die Mann in HEAT nicht zufällig erneut als solche wiederholt, überzeugt Frank sie durch seine offene, direkte Art, die ihn zwar nicht unbedingt als Sympathisant, doch auch hochachtungsvoll als Man(n)'s Man manifestiert. Ich kann nur für mich sprechen, aber abzüglich der kriminellen Energie hat Franks Art etwas ansteckendes, beneidenswertes. Besonders interessant ist Frank im Kanon der Mannschen Figuren, die zwar allesamt von einer Obsession getrieben sind, welche sich aber durch grundverschiedene Facetten ihres jeweiligen Charakters unterschiedlich auf deren Leben auswirkt. Dieses endet zwar meist im Scheitern, doch wo Neal McCauley aus HEAT noch an seinen großen Prinzipien scheitert, weil er sie nicht einhalten kann, zieht THIEF'S Frank seine Linie knallhart durch, wodurch er zwar kein Lebensglück finden kann, aber immerhin sich selbst treu geblieben ist und sich als Prinizpienwächter bewiesen hat, so dass ihm zumindest seine Selbstachtung bleibt.

Als Genrekino ist THIEF makellos. Formal brilliant treibt Mann den Plot zügig voran und balanciert ruhige wie aufregende Momente aus. Er erzeugt Anteilnahme am Lebensweg seines Protagonisten, führt die Einbrüche dokumentarisch penibel vor und inszeniert die besten Shoot Outs der Filmgeschichte. Chicago ist zwar nicht L. A., doch findet Mann auch in seiner Heimatstadt genügend markante Locations, die in jedem seiner Filme eine Hauptrolle einnehmen: City Skylines der Nacht, moderne Architektur und das Spiel mit künstlichem Licht auf verregneten Straßen lassen die Bilder, die seine Filme durchziehen, wie eine Aneinanderreihung an Kunstwerken wirken, die man sich eine nach der anderen einrahmen und ins Wohnzimmer hängen möchte. Ebenfalls markant der Synthie-Score, dem Mann durch die Jahre treu geblieben ist und der eine traumhafte Atmosphäre kreiert. Höhepunkt Craig Safans Gitarrenspiel während der letzten Züge des finalen Shoot Outs - wenn Frank unter diesen Klängen von Dannen zieht kullern die Freudentränen über einen bewegenden Abschluss eines der besten Filme aller Zeiten. Jawohl.

Make-or-Break-Scene: Frank macht deutlich, dass er es ernst meint als er seine gestohlenes Juwelengeld wieder beschafft. Eine beeindruckende Einführung eines starken Charakters und ein frühes Zeichen dafür, was von dieser Figur zu erwarten ist - die sich über alle Umstände hinwegsetzen wird.

MVT: James Caan ist sehr sehr gut und gibt vielleicht eine meiner absoluten Lieblingsfiguren der Filmgeschichte, doch ist es Michael Mann, der hauptverantwortlich ist für den Erfolg von THIEF - sein erster Kinofilm legte die Messatte für seine Zukunft als Regisseur enorm hoch und doch übertraf er diese sogar noch.

Score: 10/ 10 (# 4 meiner Top 100)

Final Thoughts: Ein perfekter Film.


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L. A. TAKEDOWN (SHOWDOWN IN L. A.) (Michael Mann, USA 1989)


Ambitionierter L. A. - Cop Vincent Hanna (Scott Plank) jagt die Truppe um Criminal-Mastermind Patrick McLaren (Alex McArthur) und findet in ihm einen Seelenverwandten...

Michael Mann's TV-Version seines späteren Meisterwerks HEAT ist zwar nur fast halb so lang, beinhaltet bis auf das Finale aber alle wesentlichen Elemente des Remakes. Viele Dialoge wurden später eins-zu-eins übernommen wie auch die Rollen nahezu identisch sind. Nun habe ich HEAT zuerst gesehen, der dazu noch meinen absoluten Filmfavoriten markiert. Da ist L: A. TAKEDOWN für mich neben den Parallelen zu HEAT nur dadurch interessant, wie Mann aus einem kleinen Budget und mit TV-Darstellern das Möglichste herausholen kann. Leider sehr sehr wenig. Zwar ist er sichtlich um Hochglanzästhetik bemüht, doch vermag das sein Kameramann und das Vollbildformat kaum einzulösen. Auch Dov Hoenig, immerhin ebenfalls für den Schnitt von HEAT verantwortlich, enttäuscht durch eine oftmals einfallslose Montage, die den Film deutlich als TV-Produktion ausweist. Ich hatte immer das Gefühl einem Remake von HEAT in der Tradition der türkischen Blockbuster-Rip Offs der 70er und 80er beizuwohnen. Am deutlichsten wird dieses Gefühl durch die durchweg schlechten Darsteller, die teilweise optisch auch kaum voneinander zu unterscheiden sind. Besonders der später von Al Pacino dargestellte Cop Hanna - hier Scott Plank, macht dem C-Schauspielertum alle Ehre. Umso erfreuter bin ich, dass Mann aus dem guten Script später dann doch das Beste (wörtlich zu nehmen :D ) gemacht hat und zudem um einige Charaktere, Dramatik, Substanz und auch Suspense erweitert hat.

Make-or-Break-Scene: Das Finale, da es die einzige nennenswerte Abweichung vom Remake ist.

MVT: Das Script, das aber unter der filmischen Umsetzung deutlich leidet.

Score: 4/ 10

Final Thoughts: Lieber HEAT schauen.


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INSIDE LLEWYN DAVIS (Joel & Etahn Coen, USA/ UK/ FRA 2013)


Über das Scheitern des Folk Singers Llewyn Davis (Oscar Isaac) in der Greenwich Village-Szene der 60er Jahre...

Die "Troubled Man"-Trilogie wird mit diesem Film zu einer Quadrilogie, denn mit Llewyn Davis verschreiben sich die Coens abermals einem fehlhaften Individuum, das zum Scheitern verurteilt ist. Wieder wird diese Figur zwar nicht sympathisch dargestellt, doch leidet man irgendwo mit ob der Hingabe dieser zu ihrer Passion. Ich persönlich habe mit Musikgeschichte geschweigedenn der hier porträtierten Musikszene nicht viel am Hut und war doch angetan von den zahlreichen Folk Songs, deren Melancholie den steinigen Weg Davis' gut ergänzten. So ist auch der Ton des Films sehr ruhig und reflexiv gehalten, jedoch nicht ohne den Coen-typischen schwarzen Humor sowie einigen Metaphern und plottechnischen Raffinessen. INSIDE LLEWYN DAVIS ist kein Film, der sich anbiedert und passt eben mehr zu den erwähnten Companion Pieces der Coenschen Filmografie. In diesem Kanon würde ich ihn als am schwächsten einstufen, doch wachsen die Coen-Filme mit der Zeit, was ich mir in diesem Falle auch vorstellen kann.

Make-or-Break-Scene: Keine einzelne Szene, sondern die ganzen Deja-Vus, die sich durch den plot ziehen.

MVT: Die Coens, die bei aller Schwermut genug Humor einflechten, wodurch der Film unterhaltsam bleibt.

Score: 7/ 10

Final Thoghts: Von einem schwächeren Coen-Film zu sprechen ist noch immer Jammern auf hohem Niveau. ;)