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Short Cuts





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4x Bergman



Vargtimmen (Die Stunde des Wolfs)


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Regisseur Bergman redet, noch während des Vorspanns, mit den Mitarbeitern seines Teams. In der ersten Szene erzählt Alma Borg (Liv Ullmann) in einem Interview vom Verschwinden ihres Mannes, dem Maler Johan Borg (Max von Sydow). In einer Rückblende erzählt der Film, wie Johan zusammen mit seiner Frau Alma, zurückgezogen auf einer Insel lebt. Johan wird geplagt von Visionen. Personen verfolgen ihn, die er Dämonen nennt. "Die Frau mit dem Hut" oder "der Vogelmensch". Als eine alte Frau Alma von Johans Tagebuch erzählt, liest sie, dass Johan nicht nur von merkwürdigen Personen sondern auch von Erinnerungen an seine damalige Geliebte Veronica (Ingrid Thulin) verfolgt wird. Alsbald erhalten die beiden eine Einladung auf das Schloss von Baron Merkens (Erland Josephson). Auf dem Schloss nehmen sie an einer Puppentheaterszenerie aus Mozarts Zauberflöte- Ewige Nacht teil. Borg wird bald von den Herrschaften mit Fragen über seine Vergangenheit und sein Künstlerdasein traktiert. Als die beiden nach Hause gehen, versichert Alma, dass sie zu Johan halten werde auch wenn die Dämonen versuchen, sie auseinanderzubringen.
Nach einer erneuten Titeleinblendung befinden wir uns im Haus der beiden. Es ist Nacht und Johan erzählt Alma von der Stunde des Wolfs. Die Kritischste Stunde, in der die meisten Menschen geboren werden und auch sterben. Johan erzählt wie er als Kind im Schrank eingeschlossen wurde und von einer Begebenheit mit einem Jungen, den er umgebracht habe, weil er glaubte, er sei ein Dämon. Sie erhalten wieder eine Einladung von Baron Merkens. Johan erhält eine Pistole zum Schutz vor Kleinwild. Als die beiden anschließend eine Auseinandersetzung haben, schießt Johan auf Alma und flüchtet in das Schloss. Er trifft dort auf Veronica sowie auf die Gesellschaft, die sich in Vogelwesen verwandeln oder sich die Gesichtshaut runter reißen. Als Johan in den Wald flieht sieht man Alma wieder, die auch die Vogelwesen sieht, die nun Johan attackieren. Als diese verschwunden sind, bleibt Alma allein zurück.
In der letzten Einstellung sieht man wie Alma wieder vom Team interviewt wird und sich Vorwürfe macht. Sie fragt sich ob sie Johan genug oder zuwenig Liebe gegeben hat und ob sie sich zuviel oder zuwenig mit seinen Visionen befasst hat. Ist es nicht so, dass man im Laufe der Jahre dem Mann den man liebt immer ähnlicher wird ?


Vargtimmen habe ich das letzte Mal vor 4-5 Jahren gesehen und nun gemerkt wie gut und intensiv ich den Film noch in Erinnerung hatte. Ich weiß noch, dass ich den Film damals als wahnsinnig verstörend empfand. Das kann ich nun nicht unbedingt wiederholen, was aber nicht die Intensität des Seherlebnisses getrübt hat.
Was ich nachwievor als sehr gelungen und immer noch aufregend empfinde, sind die Schocksequenzen im Zusammenspiel mit Ton. Das Quietschen und Grollen beispielsweise in der Szene wo Sydow den Jungen ertränkt oder am Ende als die Gesellschaft sich in Vögel verwandelt, ist äußerst wirkungsvoll und man zuckt immer noch zusammen.
Interessant ist auch was die Lichtinszenierung angeht, dass im Gegensatz zu Persona, der Fokus eindeutig auf Schatten und Dunkel liegt. Oftmals sieht man hier nur zwei Köpfe umhüllt von Schwarz. Oder ein stechender Kontrast von Hell und Dunkel tritt auf.

Ansonsten gibt es gar nicht sooo viel über den Film zu schreiben. Vargtimmen ist eine Gespenstergeschichte mit surrealen Mitteln erzählt. Die Form ist hier verknüpft mit der Schwarzen Romantik, stilistisch aufbereitet mit den Mitteln des Horrorfilms.

Stichwort Schwarze Romantik

Nach Lermontow in Persona, der zur russischen Romantik gehört, ist hier die deutsche Romantik und ganz eindeutig, um einen Namen zu nennen, E.T.A. Hoffmann als Inspirationsquelle zu finden. Die Namen die er den Kreaturen gibt wie zb. "Der Greifer" finden sich zb. in Hoffmanns Kater Murr. Der Film fängt auch angelehnt an Hoffmann an indem es heißt "Ich habe hier Dokumente gefunden, die ich hier wiedergeben möchte." Dokumente, die der Protagonist gefunden hat und sie nun veröffentlicht sind ein häufiges Motiv in der Romantik. Hinzu kommt, dass sich die Alma an den Mitfilmer zu Beginn wendet, der quasi als Herausgeber fungiert. Dann erzählt sie quasi die Geschichte innerhalb einer Geschichte, auch ein Stilmittel der Romantik.
Das was sie erzählt ist wiederum ein typischer Bergman Film. Der Künstler, die Dämonen, die ihn verfolgen, der Aussenseiter,die Psyche, das Unterbewusstsein. Das Unterbewusstsein spielt hier eine zentrale Rolle. Alma plagt sich mit der Frage inwiefern das Unterbewusstsein sich auf das partnerschaftliche Leben auswirkt, Besitz davon ergreift und einen selber auch verändern läßt. Die Grenze zwischen Wach und Tagtraum gibt es nicht. Genau wie bei E.T.A. Hoffmann. Der Film geht in Grenzbereiche, in einen schwarzen Teil. Traum und Nacht sind wie bei Hoffmann symbolisisert und hier visualisiert. Die dunkle Welt tritt zum Vorschein.

In der zweiten Hälfte des Films, die explizit durch Zwischentitel als "Die Stunde des Wolfs" eingeleitet und bebildert wird, verläßt der Film ähnlich wie Persona, die narrative Struktur und wird zum Alptraum in dem es auch keine Zeitverankerung mehr gibt. Alles hebt sich auf und die Schrecken von denen berichtet wurde, brechen hervor. Die Kraft und Wirkungsweise der Dämonen, die ihn beherschen, werden gezeigt. Wir bekommen auch Hinweise auf die Ursachen für die Visionen, wie zb. das Bestrafungsritual aus der Kindheit, von dem Johan erzählt. Erniedrigung, Angst, Demütigung und der Künstler, der das für uns erlebt und verarbeitet. Alles Bergman Themen, die immer wieder in seinem Schaffen zu finden sind und auch biografisch verankert sind.

Was Vargtimmen außer seinen wirkungsvollen Effekten auszeichnet, ist die permanent angespannte Atmosphäre. Alles wirkt symbolträchtig und doppeldeutig. Da ist die Gesellschaft in ihrem Schloss, die hohl und dumm ist und gleichzeitig sehr gefährlich wirkt oder die Szene mit dem Ausschnitt aus Mozarts Zauberflöte, die schön und gleichzeitig unheimlich ist. Dennoch erreicht er nicht die formale Ästhetik eines Persona, wirkt im Vergelich fast harmloser, typischer und fast schon gefälliger. Obwohl alles da und auch faszinierend ist, hat es nicht die Intensität und Überzeugung. Insgesamt aber natürlich ein guter Bergman, den ich mir gerne noch ein drittes Mal ansehe.

8/10


Skammen (Schande)


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Das Ehepaar Jan und Eva Rosenberg (Max von Sydow & Liv Ullmann), beides Musiker, leben zurückgezogen auf einer kleinen Insel. Auf dem Festland herrscht Krieg, der noch nicht auf die Insel übergegriffen hat. Feindliche Fallschirmjäger landen des Nachts auf ihrem Hof. Sie werden vor laufender Kamera über ihre politische Gesinnung ausgefragt. Schon bald werden sie von den eigenen Machthabern gefangen genommen. Das Interview, welches verändert wurde, läßt sie als Kollaborateure dastehen. Mit Hilfe von Oberst Jacobi (Gunnar Björnstrand) kommen sie allerdings frei. Sie versuchen zu fliehen kommen allerdings nicht sehr weit und müssen umkehren. Jacobi nutzt nun seine Macht um die vorher freundschaftliche Beziehung zu den beiden auszuweiten. Besonders auf Eva hat er es abgesehen. Er treibt sie in körperliche Abhängigkeit und bezahlt sie für ihre Dienste. Eva läßt dies mit sich geschehen und prostituiert sich teils vor Jans Augen, den sie wegen seiner Feigheit undWeichheit verachtet. Jacobi bittet Eva Geld aufzubewahren. Als Jan das Geld sieht nimmt er es an sich. Wenig später überfallen Partisanen das Haus. Jacobi wird wegen Korruption angeklagt. Jan leugnet das er das Geld genommen hat und soll Jacobi erschießen. Er richtet ihn vor dem Haus hin. Die Partisanen brennen alles nieder und Jan, den das Geschehene verändert hat, ist von jetzt an rücksichtslos auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Sie fliehen zu Fuß an die Küste. Auf dem Weg treffen sie auf einen jungen Soldaten, den Jan in einem Wutanfall erschießt. Mit dem gestohlenen Geld erkaufen sie sich einen Platz auf einem Boot. Zusammen mit anderen Flüchtlingen sind sie nun draußen auf dem Wasser als die Vorräte ausgehen. Eva erzählt von einem Traum und um das Boot herum treiben Soldatenleichen.


Skammen ist ein ziemlich harter Brocken von Film. Ein absolut deprimierendes Erlebnis. Ein Alptraum. In der Mitte des Films sagt Eva "Das kommt mir alles vor wie ein Traum, den ein anderer träumt und ich bin gezwungen diesen Traum weiterzuträumen."

Das dieser Film ein schwer auszuhaltendes Gefühl vermittelt, hat auch viel mit dem dokumentarisch, realistischen Cinema Verité Stil zu tun, den Bergman hier vielfach anwendet. Zum ersten mal sieht man bewußt Handkamera Einsatz in einem Bergman Film, besonders in den Angriffsszenarien ist die Kamera auffallend schnell in Bewegung. Die stilisierten s/w Abgrenzungen stehen hier nicht im Vordergrund. Skammen ist der letzte in s/w gedrehte Kinofilm gewesen, der nachfolgende Riten war fürs Fernsehen konzipiert. Surrealistische Elemente fehlen hier auch komplett, das Szenario ist ganz dem Realismus unterworfen und hat dennoch etwas traum, etwas alptraumhaftes.

Kommen wir zu dem was hier erzählt wird :
Abgesehen davon, dass Krieg herscht ist ersteinmal die Tatsache interessant, dass sich die 2 Hauptfiguren verändern und das Verhältnis der beiden zueinander sich fast umkehrt. Während Eva am Anfang den dominierenden, tatkräftigen, realistischen, energischen Part einnimmt, verliert sich zum Ende hin Jans zögerliches, empfindliches, wehleidiges, passives Verhalten hin zu einer undifferenzierten, brutalen, rücksichtslos-inhumanen Verhaltensweise. Sie kann ihre starke Art nicht mehr entfaltetn und wird zur hilflosen Person, als hätte man ihr das Leben genommen. Anfangs verstecken sie sich vor dem Krieg, nehmen passiv daran Teil und haben keinerlei Stellung zu dem was um sie herum geschieht. Selbst die Nacht in der die Fallschirmspringer vor ihrem Haus landen lässt nichts an ihrer Passivität zerbröckeln. Der Wendepunkt ist dann die Szene in der sie gefangen genommen werden und ihre Persönlichkeit als auch ihre Beziehung langsam durch den Bürgermeister/Oberst Jacobi beschnitten wird. Nun herscht Terror. Sie beginnt sich vor Jans Augen zu prostituieren, wird zunehmend aggressiver, während Jan noch sein passives, teilnahmsloses Verhalten inne hat. Ab dem Moment wo die Partisanen kommen und Jan Jacobi erschießt, ab diesem Punkt schlägt das Zögern vollkommen in Aggression um und Eva ist ihm ausgeliefert.

Das Geld, welches Jacobi Eva gibt, ist ein Symbol für Prostitution und für Evas Scham, die sie empfindet. Als Jan dieses Geldbündel unterschlägt bekommt es für deren Schande einen symbolhaften Charakter. Die Angst macht den Feigling schlussendlich zum Mörder.
Interessant ist auch, dass der Krieg, der vollkommen austauschbar bleibt und immer präsent, ob gesprochen oder gezeigt, ist, zwar in die Beziehung eingreift, sie aber nicht dominiert. Die Beziehung steht immer im Vordergrund.

Sicherlich ist dieser Film unterschwellig auch ein Kommentar zum Vietnamkrieg gewesen. Von der politischen Seite wurde Bergman angegriffen, er würde in seinen Filmen keine Stellung beziehen. An Politik war Bergman auch nie interessiert. Was Skammen heute noch auszeichnet ist die Tatsache, dass er seine Themen um Erniedrigung, Schuld, Scham, Schande hier in einen gewissermaßen zeitlosen Kontext einbaut. Der Film wirkt in seinem schwer verdaulichen Szenario immer noch nach.

8/10


Riten (Der Ritus)


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Eine Künstlergruppe, bestehend aus Hans Winkelmann (Gunnar Björnstrand), seiner Frau Thea (Ingrid Thulin) und Sebastian Fisher (Anders Ek), werden wegen einer angeblich obszönen Pantominenaufführung von dem Untersuchungsrichter Abrahamson (Erik Hell) verhört. Winkelmann ist seiner Frau, die ein Alkoholproblem und mit Sebastian ein Verhältnis hat, überdrüssig. Er spielt mit dem Gedanken die Gruppe endgültig aufzulösen, denn auch sein Kollege Sebastian hängt ihm mit seinen Geldproblemen zum Halse raus. Der Richter vernimmt die Gruppe zuerst zusammen, dann jeden einzeln. Dabei werden seine Fragen sehr schnell persönlich und indiskret. Als er Thea befragt, verliert er die Beherschung und versucht sie zu vergewaltigen. Nun bietet das Trio Abrahamson eine Privatvorstellung der beanstandeten Performance an. Am Ende des sogenannten Ritus stirbt Abrahamson an einem Herzinfarkt, nachdem er von den Schauspielern gedemütigt wurde.

Riten ist ein reines Dialogstück, welches eigentlich fürs Theater gedacht war, dann aber fürs Fernsehen aufbereitet wurde. Bergman schrieb das Stück vor den Dreharbeiten zu Skammen, realisierte es dann hinterher und wurde von seiner eigenen Firma "Cinematograph" produziert. Herausgekommen ist ein absurdes, kafkaeskes, witziges und böses Kammerspiel, welches der Geschichte von Ansiktet nicht unähnlich ist. Obwohl man dem Film den Theaterursprung anmerkt (Szenenauf und abgang, Einleitung, nur Dialoge) ist das ganze kameratechnisch sehr gut gelöst. Der Film besteht fast nur aus Halbnahen, Nah und Großaufnahmen. Bergman wollte damit sich dem Medium TV anpassen und fand, dass dies dem Rhythmus des Mediums entspreche. Weiter hat der Film ein gutes Tempo, ist durchgehend spannend sowie einige großartige Dialoge zu bieten.

Eigentlich weiß man in Riten gar nicht so wirklich worum es geht. Die Verhöre der Schauspieler bilden die Rahmenhandlung. Die Künstler, untereinander, befinden sich in einer merkwürdigen Mischung aus Abhängigkeiten, Hilflosigkeiten, Demütigungen und aber auch Liebe. Ganz typisch Bergman auch die Tatsache, dass dies trotzdem in Frage gestellt wird. Sie kommen nicht voneinander los und gleichzeitig können sie sich nicht ertragen und möchten am liebsten fliehen. Das Leben der Schauspieler auf der einen und das Publikum in Form des Richters auf der anderen Seite. Im Grunde ist der Richter Zuschauer, der am Leben der Schauspieler teil hat bzw. haben will. Der Richter betont, dass sei alles eine reine Formsache, ist aber gleichzeitig mit seinen Fragen indiskret bohrend und fragt Dinge, die mit der Sache ansich nichts zu tun haben. Absurd ist auch die Tatsache, dass dies von den Schauspielern als ganz normal gesehen wird. Dem Aggressiven gegenüber ist er defensiv, dem freundlich-souveränen ist er abweisend und gnadenlos und bei der Frau Thea wird er physisch zudränglich und versucht sie zu vergewaltigen. Als ihm die Nummer am Ende vorgeführt wird, stirbt er, was wie man auf einer Texttafel am Ende erfährt, keine großen Konsequenzen hat. "Verurteilt wurden sie aber dies ist nur reine Formsache", heißt es da.

Laut Bergman ist "der Ritus" das Spiel zwischen dem Künstler und seinem Publikum und der Gesellschaft. Diese beiderseitige Mischung von Demütigung und gemeinsamem Bedürfnis. Das ist das Rituelle.

Dies hat er hier auf absurd-witzige und bösartige Weise auf die Spitze getrieben.
Wie in vielen anderen Bergman Filmen auch, wird hier herausgeschält, dass das Künstler und Schauspielerdasein auch immer etwas erniedrigendes mit sich trägt. Ein immer wiederkehrendes Motiv.


Schön auch diese Szene, als der Richter beichten geht um sein Gewissen zu erleichtern, sieht man Bergman selbst als Priester.
Natürlich ist dies ein Hommage an das Siebente Siegel.
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8/10


En Passion (Passion)


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Auf einer kleinen Insel lebt Andreas Winkelmann (Max von Sydow) zurückgezogen, abseits eines Dorfes. Als eines Tages Anna Fromm (Liv Ullmann) sein Telefon nutzen möchte, vergisst sie ihre Handtasche bei ihm. In dieser liegt ein Brief, den Andreas liest und in dem steht, dass sie ihren Mann, der auch Andreas heißt, um die Scheidung bittet. Anna wohnt bei dem Ehepaar Elis und Eva Vergerus (Erland Josephson & Bibi Andersson). Als Andreas die Tasche zurückbringt, bleibt er über Nacht bei ihnen. Nachts hört man Anna schreien. Andreas erfährt, dass sie ihren Mann und ihr Kind bei einem Autounfall verloren hat, als sie am Steuer saß. In den nächsten Tagen verbringt Andreas einige Zeit mit Elis, der ein erfolgreicher Architekt ist und eine merkwürdige Passion für die Porträtfotografie entwickelt hat. Andreas läßt sich auf eine kurze Affäre mit Eva ein, die auch eine mit Annas verstorbenem Mann hatte. Derweil geht auf der Insel ein Tiermörder um. Die Bewohner verdächtigen den alten Andersson (Erik Hell), zu dem Andreas eine freundschaftliche Beziehung hat und bedrohen ihn in anonymen Briefen. Andreas und Anna gehen eine Liebesbeziehung ein. Anna zieht in seine Hütte, doch währt die Beziehung nicht lange. Beide halten an ihrer Vergangenheit fest und können nicht loslassen. Nachdem Andersson Selbstmord begangen hat, eskaliert auch die Situation zwischen Anna und Andreas. Es kommt zum Streit in dem Andreas auf Anna einschlägt. Kurz darauf wird ein Stall in Brand gesteckt. Andreas und Anna besuchen den Tatort und fahren gemeinsam wieder zurück. Im Wagen sagt Andreas zu Anna, dass er eine Trennung für das Beste hält, worauf Anna schneller fährt. Darauf reagiert Andreas mit der Frage ob sie ihn auch umbringen wolle, wie zuvor ihren Mann. Andreas springt aus dem Auto während Anna weiterfährt. Er bewegt sich ziellos im Kreis. Der Film endet mit den Worten des Erzählers "Diesmal war sein Name Andreas Winkelmann"
Anzumerken sind noch die kurzen Einschübe während des Films, in denen die Schauspieler über ihre Rolle befragt werden.


Passion ist ein merkwürdiger, ziemlich sperriger Film.
Merkwürdig weil er sehr ungleichmäßig ist. Schnitt/Tempo halten sich hier nicht die Waage. Hinzu kommt eine elliptische Erzählweise, die mit der Montage einhergeht, sowie die merkwürdige Erzählerstimme aus dem Off und die 4 Zwischenschnitte in denen die Schauspieler ihre Rollen in geskripteten Dialogen reflektieren. Irritierend ist auch, dass ab dem Zeitpunkt wo Andreas und Anna eine Beziehung eingehen, der Film auf einmal eine ungeheure Dynamik entwickelt, ja sich geradezu aufbäumt. Die Schnittfolge beschleunigt sich und der Film rast geradezu auf sein Ende hin.
Man merkt, dass Bergman hier viel ausprobiert hat. Mit Erzählstrukturen und experimentiert hat. Allerdings ist das nicht wirklich konsequent. Der Film wirkt sehr experimentell inkl. einer äußerst ehrgeizigen Fotografie, die aber nicht immer mit der Geschichte konform geht. Das Experimentieren mit Farbe, Licht und Schatten steht oftmals sehr im Vordergrund und fügt sich nicht in einen durchgehenden Fluss sondern wirkt eher wie aneinandergereihte Szenen. Im Vergleich mit Persona, Vargtimmen oder Nattvardsgästerna, wo die Lichtgestaltung eine weitere Figur des Films darstellt und psychologisch in den Film und die Figuren einwirkt, wirkt es bei Passion nicht als Mittel diese Geschichte zu erzählen.
Dies ist Bergmans erster "richtiger" Farbfilm und er war mit dem Ergebnis auch durchaus zufrieden. Folgende Filme sind von jetzt an alle in Farbe. Man merkt Passion an, dass Bergman und Nykvist hier viel experimentiert und ausprobiert haben.

Die Figuren in Passion sind sehr fragmentarisch und sind völlig entwurzelte, leere Menschen, die sich alle auf einer Insel zusammenfinden und obwohl vieles wirkt als hätte es kein richtiges Konzept gegeben, geht von ihnen dennoch eine gewisse Faszination aus. Die Atmosphäre auf der Insel wirkt bedrohlich. Während in Skammen die Bedrohung von Außen kam und visualisiert wurde, kommt sie hier, abgesehen von den Tiermorden, von Innen. Sie sitzt hier in den Menschen. Skammen und Passion gehören auch explizit zusammen. Passion zitiert Skammen dann auch wortwörtlich in der Traumszene von Anna, die eine Fortführung von Skammen darstellt. Das Ende wird hier weitererzählt.


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Passion ist wie ein Steinbruch. Der Film überzeugt nicht wirklich und dennoch gibt es hier ganz grandiose Szenen zu finden. Seien es einzelne Szenen in denen die Farbdramaturgie eine Rolle spielt oder auch die obige Traumszene oder diese hier, die man leicht übersehen könnte. Es ist die Frühstücksszene schon knapp am Ende, bevor sich der Film, wie ich oben schrieb, aufbäumt.
Eine wahre Musterszene. In dieser Szene passiert nichts weiter als das sich Sydow und Ullmann am Tisch gegenüber sitzen und essen. Nichts weiter ? Doch, denn hier ist eine unterschwellige Spannung enthalten, die zum bersten ist, so dass man in jeder Sekunde das Gefühl hat, der Salzstreuer würde gleich aus der Leinwand fliegen. Jede einzelne Bewegung ist mit unterdrückter Wut gespielt.


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Als Spiegelung dieser Szene folgt darauf die Holzhackszene, die logische Konsequenz. Die Schnittfolge steigt auf einmal rasant da nun alles rausbricht und sich die ganze angestaute Wut in Schlägen entlädt. Am Ende dieser Szene sieht man Annas rotes Kopftuch im Schnee liegen.

En Passion mag im Vergleich mit anderen Filmen Bergmans ein wenig abfallen doch allein diese Szene ist pure Magie, in der Bergman sein ganz großes Können unter Beweis stellt.

Passion ist der abschließende Teil von Bergmans Fårö-Trilogie. Von nun an dreht er in Farbe und mit dem nächsten Film sind wir dann auch schon in den 70ern :)

6-7/10

Ingmar Bergman Sven Nykvist Max von Sydow Liv Ullmann Fårö-Trilogie Licht Schatten Farbe Romantik E.T.A. Hoffmann Theater Krieg Traum Angst



Danke schön für diese Bilder. Davon werde ich heute nachts Alpträume haben.
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Wieder mal ein großartiger Bergman-Beitrag von Dir. Schön, wie Du auch die filmästhetischen Besonderheiten (und Qualitäten) der jeweiligen Filme herausstreichst. Gerade über diese Filme haben wir ja neulich schon gesprochen, da hatte ich ja auch schon erwähnt, daß ich "Passion" ebenfalls etwas zurückhaltend beurteile. "Die Stunde des Wolfs" finde ich dagegen sehr interessant (schon wegen der Horrorfilmelemente, die Bergman hier immer wieder einstreut), und "Schande" gehört sogar zu meinen Bergman-Favoriten, ganz besonders wegen der höchst erschreckenden Wandlung, die Jan durchläuft: anfangs bringt er es nicht fertig, Hühner zu töten, am Ende bringt er den jungen Soldaten kaltblütig um, weil er dessen Stiefel "gut gebrauchen" kann.
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Hey Settembrini. Sorry für die späte Antwort. Stunde des Wolfs war im Gegensatz zum ersten Mal relativ einfach zu durchschauen. Die Hoffmann Elemente hab ich da noch gar nicht bemerkt. Im Großen und Ganzen definitiv ein Bergman Film, den man sich immer und immer wieder anschauen kann :) Schande ist äußerst interessant, einmal was die Wandlung angeht aber auch die Symbolik. Demnächst dann in diesem Theater "Schreie und Flüstern" :) Insgesamt kann man wohl in der Tat sagen, dass die 60er eine recht experimentelle, suchende Phase war.
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Short Cut sagte am 27. Februar 2014, 21:22:

Insgesamt kann man wohl in der Tat sagen, dass die 60er eine recht experimentelle, suchende Phase war.

Imho besonders in UK. Die Bizarrheit etlicher Filme grenzt an Unverständlichkeit. Jeder Regisseur ein kleiner Ionesco.
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@Short Cut: Na, dann bin ich ja schon mal auf einen Text zu "Schreie und Flüstern". Im November hatte ich leider nicht den Schwung für einen ausführlichen Kommentar.

@Critic: Das stimmt natürlich, aber ich glaube, daß Short Cut gemeint hat, daß die 60er Bergmans experimentelle Phase waren. (Daß er freilich nicht der einzige war, ist natürlich nicht von der Hand zu weisen).
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Deine intensive Auseinandersetzung mit Bergman ist faszinierend - selbst kenne ich leider immer noch viel zu wenig, bin aber jetzt erinnert, mich endlich an meinen schon länger angekündigten Tystnaden-Text zu machen.
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@critic : Wie Settembrini schon schrieb, meinte ich die experimentelle Phase bei Bergman in den 60ern. Allgemein waren die 60er natürlich im europäischen Film die suchende Phase einer neuen Bildsprache. Man denke an die verschiedenen Neuen Wellen in Frankreich, Tschechien und England sowie natürlich Atonioni, Pasolini, Fellini in Italien. Zwischen Fellini und Bergman wäre es auch beinahe zu einem gemeinsamen Projekt gekommen, was dann, wie so oft, im Sande verlief.
Nimmt man diese Wellen, so ist es doch äußerst faszinierend zu sehen, wie ein Mann auf seiner kleinen Insel in Schweden die damalige Kinolandschaft beherschte und alle gebannt auf diese kleine Insel schauten.

@Noruberuto : Mach das mal ! In mir hast Du jedenfalls schon einen begeisterten Leser :)

@Settembrini : Ich sag jetzt mal vage, dass der Text Ende März erscheint ;)
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