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Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen

Cjamangos neues Filmtagebuch




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Zug nach Nirgendwo, Folge 377



Train (DVD)

Ein juveniles Ringer-Team (gemischt) befindet sich gerade auf Rußlandreise. Für die Weiterfahrt sichert man sich nur mit einer Menge Glück einige Plätze Richtung Odessa, doch das Glück erweist sich recht bald als trügerisch: Skrupellose Organhändler und ihre schmierigen Handlager verrichten an Bord ihr blutiges Handwerk...

Die gute Thora Birch muß an einem wichtigen Punkt ihrer Karriere irgendjemanden mörderisch verärgert haben. Wie sonst ist es zu erklären, daß sie jetzt in solchen Billig-Horrorfilmen herumhampeln muß? TRAIN ist eine weitere Variante auf xenophobe Fantasien à la HOTZEL und TURISTAS, nur bedeutend schlechter gemacht. (Halt eine „Nu Image“-Produktion, haha!) Diesmal sind es eben die hübschesten Nachwuchsringkämpfer des amerikanischen Studentensystems, die sich den Niederträchtigkeiten des feindlichen Auslandes aussetzen, und natürlich wimmelt Rußland vor grenzdebilen Flüchtlingen aus einem Backwoods-Horrorfilm, die alle hübsch pittoresk anzusehen sind. Horrorfilme handeln ja per Definition von Universalängsten, also von unbewältigten Krisensituationen und was die mit Leuten so anstellen. Das macht die Ängste am Busen des Horrorkinos meistens zu einer infantilen und häufig rassistischen oder sexistischen Angelegenheit, denn auf zufriedener Reife wächst kein Schrecken. Während die meisten Horrorfilme einen spielerischen Umgang mit diesen eher unerfreulichen Tendenzen anstreben, kommen jetzt immer mehr Produktionen auf den Markt, die ungefiltert und unreflektiert einen Eimer Gülle über den Zuschauer ausschütten und das Ganze dann vermutlich für entlarvenden Realismus halten. Damit mögen sie Recht haben, wenn auch anders als beabsichtigt. TRAIN schenkt sich jeden Versuch, die Protagonisten bzw. die Helden bzw. das Kanonenfutter sympathisch oder zumindest interessant zu gestalten. Schon vor den ersten Aderlässen werden sie charakterisiert durch das „Höher, schneller, weiter“ des von ihnen gewählten Berufes. Es gibt minimale Andeutungen von Beziehungsproblemen. Das war es dann aber auch schon. Es könnte einem nichts egaler sein als das, was mit diesen Flitzpiepen passiert. Dann kommt der übliche Mumpitz mit teilweise verwachsenen oder debilen, teilweise von monströser Gefühllosigkeit geprägten Schurken, die alle sehr fremd sind und sogar eine andere Sprache sprechen, wie das im Ausland schon mal vorkommen kann. Der Umgang mit den Charakteren orientiert sich in erster Linie an ihrer Eignung als Rohmaterial für Blutstürze: Im Original werden Brustkörbe geknackt, Augen und Brustpiercings herausgerissen, Schwänze abgeschnitten etc. Wem was passiert, ist im wahrsten Sinne des Wortes wurst. Warum die Bösewichte ihre ethisch bedenklichen Medizinpraktiken ausgerechnet an Bord eines Reisezuges durchführen, bleibt natürlich im Dunkeln. Viel wichtiger ist, daß sie schmuddelig, herzlos, sexuell ambivalent und (im Original) nicht stubenrein sind. Es passiert nicht häufig, daß mir ein so lieblos und kaltschnäuzig zusammengezimmerter Mist vorkommt. Da erscheint einem jeder FREITAG DER 13., als habe da Orson Welles persönlich Hand angelegt. TRAIN ist ein völlig banaler, langweiliger, menschenverachtender Dreck. Er schillert in all seiner Un-Pracht und zeigt immerhin auf, wie ziellos der Versuch, immer noch einen draufzusetzen in punkto Drastik, eigentlich ist. THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE machte aus einer solchen Terrorsituation einen beeindruckenden Comic-Strip und ist in Deutschland immer noch beschlagnahmt, obwohl er sich explizite Bluteffekte vollständig verkneift. DAWN OF THE DEAD – ebenfalls beschlagnahmt – splattert zwar nach Leibeskräften, aber verglichen mit dem kalkulierten Pseudo-Realismus der neuen Filme wirkt er regelrecht kuschelig. TRAIN ist ein weiteres Beispiel für die Fantasielosigkeit, mit der heutzutage eine Marktlücke ausgebeutet werden soll, die bald an ihrem eigenen Hang zum Exzeß ersticken wird. Es ist alles nicht mal richtig anstößig – es ist eher banal und langweilend. Und ein klein wenig deprimierend. Die deutsche Fassung ist obendrein um fast 7 Minuten (!) gekürzt, so daß sich nicht einmal Gorehounds für diesen Unfug interessieren sollten. Gullymurks.




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